BILD & TEXT GALERIE

Bevor Cranko etwas erwidern konnte, kam plötzlich ein weiterer Mann in den Raum, ein Handwerker in Kittel, der die allgemeine Aufmerksamkeit sogleich auf sich zog. Er zog rückwärts und lautstark einen großen, schweren Gegenstand über den Holzboden [...] und machte direkt vor dem Ballettdirektor halt. Mit einem zufriedenen »G’schafft!« ließ er das hölzerne Ding zu Boden gleiten.
Crankos Sitzgelegenheit befand sich nun auf einem rechteckigen Podest, das aus vier einfachen Brettern bestand, die wie ein Sandkasten zusammengezimmert worden waren. Damit lag die Sitzfläche nun etwa um etwa 15 Zentimeter höher als noch vor wenigen Stunden. Ein Wrack von einem Stuhl auf einem Holzrahmen.
Cranko erklomm ihn hingegen wie ein Hohe-Priester, nahm Platz wie ein Feldherr und begann, auf seinem neuen Thron zu grinsen wie ein Lausbub. Er riss die Arme nach oben, wandte sein Gesicht in die Luft, als ob er sich an eine schwebende Schar griechischer Götter wendete, und zitierte den großen Philosophen Immanuel Kant: »Eine Idee ist nichts anderes als der Begriff von Vollkommenheit, die sich in der Erfahrung noch nicht vorfindet!«
Nicht jeder im Raum konnte ihm folgen, das zeigten die gerunzelten Stirnen. »Also, Kinder: Ein vollkommener Stuhl existiert nur als Idee. Jeder Stuhl ist nur ein müder Abklatsch des Ideals im Sinne Platons; und wenn das schon so ist, dann ist dieser Stuhl hier genauso perfekt wie jeder andere. Und – Leute – es ist mein Abklatsch!«

Der Trümmer-Thron, 

Stuttgart, 23. Januar 1961

'Obsession' von Antonia Deitmar

Spielregeln – Verdammt!


Herbert Cranko schlug mit der flachen Hand auf den Küchentisch, es hielt ihn nicht mehr auf dem Stuhl. Der Anwalt ließ seinen Blick unkonzentriert aus dem Fenster im vierten Stock  des  Wohnblocks   in  Johannesburgs bester Lage schweifen. Edle Anwesen in üppigen Parks, die sich jenseits des Golfplatzes mit seinen Riesenbäumen scheinbar bis zum Horizont erstreckten.
 

Prolog: Feuervogel
Johannesburg, Südafrika, 1939

Wohnung von Herbert und John Cranko, Houghton,
Jo'burg, Südafrika

Es schellte.
»Hi, John, wann hattest du gesagt, geht es los?« Márcia stand lächelnd im Eingang, ihre Haare unter einer Baskenmütze verborgen, unter ihrem offenen Mantel war ein grüner Pullover sichtbar, vor dem eine lange Halskette baumelte. Hinter ihr, von Schnee-flocken umweht, waren Ricky zu sehen, Ray und Máximo, Egon, Birgit, Ana Cardus, David Sutherland und John Neumeier. »Eigentlich hatte ich gar nichts gesagt.« Cranko strahlte, »ich freu mich so sehr! Kommt rein, Kinder. Geht ins Wohnzimmer, wer einen Platz an der Garderobe findet, kann seinen Mantel dort aufhängen, sonst werft ihn einfach auf den Boden. Kommt rein, kommt rein …«

2 × X-Mas
Stuttgart & London, 24. 12. 1965

Crankos Castle, Neue Weinsteige, Stuttgart ©Thomas Aders

Ein Mercedes-Coupé glitt im letzten Tageslicht über die Zufahrtstraße zum Stuttgarter Schloss Solitude und parkte vor dem Häuschen Nr. 7. Angesichts seiner ›großen Verdienste‹ hatte das Land Baden-Württemberg in Gestalt des Amtes für Vermögen und Bau John Cranko eingeladen, hier einzuziehen. Der wohl berühmteste seiner Vormieter hieß Friedrich Schiller.
[...]  Nach Crankos Castle an der Neuen Weinsteige lag die bewaldete Spaziergänger-Hochburg im äußersten Westen der Landeshauptstadt beinahe auf dem Lande.

Solitude
Stuttgart, 16. Januar 1970

Kavaliers-Häuschen, Solitude, Stuttgart 
©Hannah Aders

Grabstein John Crankos, Solitude, Stuttgart ©Hannah Aders

Mal musste Cranko einen auf den Boden drücken, mal emporheben, mal umkrempeln, mal nach links drehen, mal nach rechts. Bis sie genauso auf der Bühne standen, wie er es wollte. Sie alle waren seine Puppen gewesen und gleichzeitig durch ihn ins Unermessliche gewachsen. Ab jetzt mussten sie ohne dieses magische Kraftzentrum auskommen.


Natürlich, John Cranko hinterließ so unendlich viele leere Herzen, dachte Jürgen Rose. Aber ohne ihn wären sie vielleicht nie zum Leben erweckt worden.
Ohne ihn hätten all diese begnadeten Seelen nie getanzt.

Farewell. Part two

Waldfriedhof, 30. Juni, 13.30 Uhr

Grabstein John Crankos, Solitude, Stuttgart ©Hannah Aders

Urschwäbin Sophie Rothkopf verstand außer »Höver« praktisch
kein Wort.
 
Ihr Reflex, den englisch brabbelnden Herrn barsch abzufertigen, wurde außer Kraft gesetzt durch ein freundliches, fast spitzbübisches Lächeln.
 
Ein riesiger Zinken stand dem Mann im Gesicht.

Und dann: die Augen des Mannes. Ein solches Himmelblau, ein solch
tiefes, strahlendes Glänzen hatte sie nie zuvor bei einem Menschen
gesehen – und schon gar nicht bei einem Mann!

»Kommetse!«, brummelte sie. »Hier nai!«
Antidepressivum
Stuttgart, 6. Oktober 1960

"John Cranko", Gemälde von Dorothée Zippel-Mariano

©Hannah Aders

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