Seelentanz

John Cranko und das Wunder des Balletts

Roman

Der junge Choreograf John Cranko aus London kommt Ende 1960 für ein kurzes Gastspiel nach Stuttgart. Als er sich entschließt zu bleiben, beginnt der märchenhafte und dramatische Aufstieg des Stuttgarter Balletts zu einer der führenden Compagnien der Welt.

 

Die Vortänzerin
Stuttgart, 18. April 1961

 


Die Frühlingssonne hatte den Stuttgarter Talkessel in ein glänzendes, fast beißendes Licht getaucht. Die Eleven und Elevinnen waren größtenteils auf ihren Fahrrädern und mit Sonnenbrillen zur Oper geradelt. In den Sälen im ersten und zweiten Stock war die Luft wie Honig, zarte Staubfahnen von Kolophonium brachen sich in den harten Sonnenstrahlen, und manch ein Tänzer und manch eine Tänzerin ließen sich für ein paar Sekunden ergreifen von diesem Schauspiel. Dann begannen sie achselzuckend ihr Dehn- und Aufwärmprogramm à la barre.


Um elf Uhr erschienen Cranko, sein ausgesprochen gut gelaunter General-intendant nebst Referent Pohlmann, Verwaltungsdirektor May sowie Ballettfreund Fritz Höver im Zuschauerraum und setzten sich in die Mitte der ersten Reihe. Lore Eisfeld, heute in einem groben, braunen Strickkleid, wartete bereits an ihrem Piano an der Seite der Bühne, halb abgedeckt von dem seitlichen Vorhang. Und dann tat sich etwas in der Kulisse: Ray Barra schritt zur Bühnenmitte vor, gefolgt von einer unbekannten Tänzerin.


Ihr Name: Márcia Haydée, Brasilianerin aus Rio de Janeiro. Ihre Aufregung war körperlich fast greifbar. Aufgrund der weißen Schminke, die sie übermäßig dick aufgetragen hatte, waren ihre Gesichtszüge maskenhaft. Sie kam zur Audition, dem Vortanzen. Alfonso Cata, einer ihrer Freunde aus Kuba, Gruppentänzer in Johns Compagnie, hatte von ihr berichtet, und John hatte sie sofort eingeladen, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt noch eine ganze Menge Verträge zu vergeben. Mit einem aufmunternden Lächeln winkte die Korrepetitorin der Tänzerin zu. Ray war am frühen Morgen zu ihr gekommen und hatte gesagt: »Mensch, Lore, die Márcia ist total nervös, kümmere dich mal um sie.« In der Garderobe hatte die Brasilianerin sie gebeten, nicht zu schnell zu spielen. Aber auch nicht zu langsam. Und ob sie gut geschminkt sei, und … und … und. Irgendwie mochte Frau Eisfeld das Nervenbündel, aber viel Chancen räumte sie ihr nicht ein.


Mit drei Jahren hatte Márcia Haydée in Niterói auf der anderen Seite der Guanabarabucht von Rio begonnen zu tanzen, als ihr geliebter Großvater ein Radio angeschaltet hatte und seitdem konnte sie nicht mehr aufhören damit. Ihre professionelle Ausbildung hatte sie später beim Royal Ballet in London gemacht. Dann – nach einem Vortanzen in Argentinien – hatte sie der große Georges Marquis de Cuevas für sein Pariser Grand Ballet verpflichtet.


»Komm im Januar nach Paris, und du kannst bei uns anfangen«, hatte der Marquis gesagt, und Márcia war überpünktlich erschienen. »Sorry«, hatte er dann gesagt, »der Platz ist jetzt doch noch nicht frei, du musst dich noch eine Weile gedulden.« Mit diesem gebrochenen Versprechen hatte die schlimmste Phase ihres Lebens begonnen: das Warten. Allein in Paris, das Geld reichte kaum. Nach einem drei Viertel Jahr rief der Marquis zum zweiten Vortanzen, doch da war sie mittlerweile in einem furchtbaren Tief und hatte sie sich ein enormes Fettpolster angefressen.

»Sorry, Márcia, aber du bist nicht mehr die gleiche wie in Buenos Aires«, hatte der französische Exzentriker gesagt, »so kommst du mir nicht in die Compagnie.« Zwar hatte der Marquis sich doch noch erweichen lassen und sie bekam ihr erstes Engagement als Gruppentänzerin, aber in Paris fühlte sie sich seit dieser erneuten Abfuhr nicht mehr wohl.


Heute, bei dieser Audition ging es für sie um alles. Márcia Haydée wollte weg aus Paris, wo sie die Hölle auf Erden durchgemacht hatte. Wie tief war sie gesunken? Eine Stadt wie Stuttgart erschien ihr wie eine Verheißung, doch selbst dafür waren die Voraussetzungen nicht eben rosig: sie wusste, dass sie noch immer viel zu dick war. Auch das heute früh dem Fundus entliehene, viel verdeckende Toutou konnte darüber nicht hinwegtäuschen.


»Bitte!« John klatschte kurz und freundschaftlich in die Hände, gab Lore Eisfeld mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass sie nun beginnen könne, und setzte sich zwischen Höver und Schäfer. Sleeping beauty, Dornröschen, dritter Akt. Routine, hundertmal pro Jahr, auf jeder Ballettbühne der Welt so oder so ähnlich vorgemacht, nachgemacht, wiederholt. Die ersten Takte Tschaikowsky, von Lore Eisfeld dezent angespielt, erfüllten den Raum. Dünn und flüchtig, kaum in mehr als den ersten zehn Reihen zu hören. Die ersten Schritte der Tänzerin aus Brasilien: zart, ein wenig steif vielleicht – in jedem Fall nichts wirklich Außer-gewöhnliches. Keine Gänsehaut bei den Betrachtern, keine Begeisterung, kein Raunen. Ernst das Gesicht der Haydée, konzentriert auf jede einzelne Note und die Abstimmung mit ihrem Partner, dem energischen Stuttgarter Primeur danseur Ray Barra. Ihre Verkrampfung löste sich kaum wahrnehmbar mit jedem Takt, sie war wie nach innen gekehrt.


Cranko stand auf, um dem Geschehen näher zu sein. Schäfer runzelte die Stirn und warf Höver hinter Johns Rücken despektierliche Blicke zu und die Andeutung eines Kopfschüttelns. Höver erwiderte mit einem kritischen Lächeln und ließ dazu seinen Gehstock auf den Boden prallen.


»Was für ein hässliches Entlein!« Höver riss seinen Kopf nach rechts, erschrocken von den leisen aber deutlichen Worten des Generalintendanten. Dies war eine wirklich ungewöhnliche Bemerkung für den normalerweise formvollendeten Walter Erich Schäfer.


»Ist doch wahr! Die sieht aus wie ´ne Wasserleiche, mit ihrer weißen Schminke, und schaun’ Sie sich doch mal die Oberschenkel an!«


»Na, ja!«, Höver sah sich bemüßigt, Schäfer zu antworten, »Ich bin ja auch nicht begeistert; aber John scheint ja irgendwas zu sehen!« Es lief überhaupt nicht gut. Rays silberner Fingerring mit fünf Türkissteinen, während einer USA-Reise auf einem Halt in einem Reservat der Navaho-Indianer für wenige Dollar erstanden, verfing sich an Márcias schlecht sitzendem Toutou. An der Rückenpartie riss es eine ganze Handbreit auf und aus Entsetzen über den Vorfall kam die Brasilianerin aus dem Takt. Ihre schreckensgeweiteten Augen hefteten sich hilfesuchend auf Ray. Diesem gelang es trotz der schwierigen Tanzfigur, den Ring irgendwie abzustreifen und in seinem Mund verschwinden zu lassen, um seiner Partnerin weitere Peinlichkeiten zu ersparen. Márcia bedankte sich mit einem verkrampften, aber wundervollen Lächeln des Dankes.


Cranko war nun ganz nach vorn an die Brüstung gegangen. Mit jeder Minute schien die Distanz zwischen ihm zu seinen Beisitzern in der ersten Reihe größer zu werden, er war vollkommen entrückt. Hochzeits-Pas de Deux, Prinzessin Aurora und Prinz Desiré tanzten ihre letzte Figur, der Schlussakkord von Lore Eisfeld verebbte in dem riesigen Saal, wurde geschluckt von den Vorhängen, ging langsam unter in den Neben-geräuschen. Eine Pause von gigantischen zehn Sekunden entstand, in denen niemand redete. Niemand. Selbst Schäfer und Höver nicht, auch wenn die beiden nicht aus Ehrfurcht still blieben, sondern fast aus Trotz. Von John hätten sie jetzt einen vermittelnden Satz erwartet. Doch der schwieg und bohrte Löcher in die Luft, seinen Blick auf nichts Bestimmtes gerichtet. Und so war es Frau Eisfeld, die fragte: »Weiter?«


Cranko wandte langsam den Kopf zu ihr, und brauchte ziemlich lange für seine Antwort:

»Ja!« Die Pianistin insistierte, mit einem kaum wahrnehmbar gereizten Unterton:


»Und was jetzt? Zum Improvisieren was Schnelleres von Mozart, oder vielleicht Debussy?«


»Ja!«


Mit einem Seufzen griff Lore Eisfeld wieder in die Tasten und spielte aus dem Kopf ein Thema aus L’Après-Midi d’un Faune. Fritz Höver hatte den Eindruck, er wäre nun der einzig Unvoreingenommene im Raum, und mit einem Mal empfand er selbst eine Spannung in sich: Er vergaß die Pianistin, vergaß den naserümpfenden Intendanten und konzentrierte sich ganz darauf zu begreifen, was da gerade vor seinen Augen passierte. Die Musik, die Bewegung, die Blicke.


Crankos halb geöffnete Augen waren die einzige Bühne, die jetzt zählte. Alle anderen – nur Statisten. Wie eine Puppe bewegte die Tänzerin sich vor den Augäpfeln Johns auf und ab und sie blickte ihn nicht einmal an. Und trotzdem geschah in diesem Augenblick etwas offenbar Bedeutsames, etwas, das ihnen John entrückte. Plötzlich wurde es ihm, dem reinen Beobachter, klar: Márcia und John waren in einem Zwiegespräch! Sie kommunizierten auf eine innige und intime Art und Weise. Aber worüber? Was sagte sie? Was erwiderte er? Worüber machten sie sich gerade lustig? Welche Sprache benutzten sie? Höver bemerkte, dass Crankos Blick immer wieder starr wurde, und er durch sie hindurch sah. Als ob er mehr sah als die getanzten Bewegungen und die Banalitäten der Technik: Kostbareres als das Schwarzbrot der Beinverflechtung beim Jeté entrelacé, Wichtigeres als den 90-Grad-Winkel der Beine bei der Arabesque.


Wie ein Chirurg wucherndes Fleisch unschädlich machte, entfernte er die dicken Waden aus seinem Blickfeld, tupfte die zerlaufende Schminke von den Wangen, durchtrennte alles Nebensächliche. Crankos Röntgenauge legte den Kern der Persönlichkeit dieser unbekannten Tänzerin frei: ihre Möglichkeiten, ihre Veranlagungen, ihren unbändigen Willen, ihre Kraft, ihren Humor, ihre Trauer, ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Ergebenheit, ihre Radikalität, ihre Leidenschaft. Márcia Haydée aus Brasilien und John Cyril Cranko aus Südafrika hatten sich die ganze Zeit nicht einmal in die Augen geschaut, und doch entstand nach dem Ende der Audition eine geradezu groteske Situation: Es war ihnen beiden peinlich! John wandte den Kopf ab, ebenso Márcia, die sich zu den Kulissen umdrehte. Wie ein Paar, das beim Knutschen auf der Parkbank erwischt worden war. Höver konnte Cranko nicht im Entferntesten folgen. Denn was er selbst gesehen hatte, war eine Zumutung gewesen, eine der schlechtesten Performances, die er je bei einer Tänzerin gesehen hatte. War Cranko schlicht und einfach durchgeknallt? Waren sie, die in der ersten Reihe saßen und Dutzende oder Hunderte von Auditions mitgemacht hatten, denn allesamt blind?


»Danke, Márcia.«, sagte Cranko mit belegter Stimme, »Wir sehen uns nachher. Geh’ duschen und warte in der Garderobe auf mich, okay? Danke!« John klang ernst. Der Generalintendant schöpfte Hoffnung: Sollte John am Ende seine Vorbehalte teilen? Er jedenfalls hatte alle Verträge dieses großen Hauses zu unterschreiben, und war nicht gewillt, dieser Anfängerin eine Chance zu geben. Da hatte er schon ganz andere Talente gesehen!


Als auch Lore Eisfeld hinausgegangen war, waren nur noch Cranko, Schäfer, seine Verwalter und Fritz Höver im Zuschauerraum. Der Intendant wollte einen schnellen Vorstoß machen und nicht so viel Zeit mit der Sache verbringen, Termine drängten.


»Also«, mit einem matten Lächeln, das eher an Höver denn an Cranko gerichtet war, machte er den ersten Schritt: »Ich fand’ sie nun wirklich nicht berauschend!« Als Cranko nicht sofort darauf reagierte, wagte sich auch der Verwaltungschef aus der Deckung:


»Sie kann es nicht! Haben Sie ihre plumpen Sprünge gesehen?« Und dann fielen nach und nach alle anderen ein, es gab keine einzige positive Meinung. John ließ die Tiraden stumm und versteinert über sich ergehen.


***
 

Márcia Haydée hatte längst geduscht, ihre Haare geföhnt, sich umgekleidet und wartete jetzt in höchster Anspannung darauf, dass die Türe zu ihrer Garderobe sich öffnen würde. Als die Tür sich schließlich öffnete, war es Lore Eisfeld, die sich vor ihrer Mittagspause nochmal um dieses Nerven-bündel aus Südamerika kümmern wollte. Unter dem Vorwand, ihre Noten holen zu müssen, hatte sie sich gerade eben durch die Kulissen an ihr Piano geschlichen, um etwas mitzubekommen. So etwas hatte sie noch nie gehört: ein verbaler Kampf, vor allem zwischen John und seinem Chef. Drohen. Geschrei. Beide aufgerichtet, wie im Hahnenkampf. Die anderen saßen mittlerweile stumm dabei, nur hier und da pflichtete jemand dem Generalintendanten bei. John stand allein auf weiter Flur mit seiner Unterstützung für Márcia. Es war Lore Eisfeld absolut klar, wie das Gefecht ausgehen würde. Sie kannte Schäfer und wusste, dass er beim Personal nicht mit sich spaßen ließ. Niemals. Die Brasilianerin war aus dem Rennen.


Die Pianistin schwieg davon, weil die Brasilianerin so nett und verwundbar war, wie ein neugeborenes Kätzchen. Nach einer Viertelstunde tätschelte Lore Márcia Haydées Arm ein letztes Mal und ging dann zum Mittagessen. Es würde Geschnetzeltes geben, eines ihrer Lieblingsgerichte in der unansehnlichen Kantine.


Márcia wartete jetzt seit fast zwei Stunden auf eine Entscheidung, so etwas hatte sie noch nie mitgemacht. Wie ein Gefängnisinsasse schritt sie vom Spiegel zur Türe und zurück, immer wieder, immer wieder. Eigentlich hätte sie schon vor langer Zeit zur Toilette gehen müssen und die war nur ein paar Schritte weiter, auf dem Korridor. Aber das verkniff sie sich, weil sie – wenn der Südafrikaner eintreten würde – in jedem Falle da sein wollte. Als ihre Blase fast zu platzen drohte, stand John Cranko mit einem Mal im Raum. Erschöpft und ernst.


***
 

»Márcia, setz dich mal hin«, raunte er ihr zu. Der Brasilianerin schlotterten geradezu die Knie, denn sie ahnte, was nun kommen würde: ein weiteres ›Sorry‹, ihre Reise nach Stuttgart war umsonst gewesen. Alle ihre Träume – zerstoben wie der morgendliche Nebel durch eine Böe über der Christusstatue. Heute war ihr 24. Geburtstag, niemand wusste es, niemanden interessierte es. Sie würde immer älter werden, bald war sie 25, 26, 27. Für die Karriere einer Primaballerina, für die sie alles aufgegeben hatte und die nicht einmal sie selbst noch für realistisch hielt, war es eigentlich schon jetzt fast zu spät. Aber nicht mal als Gruppentänzerin wollen sie mich, dachte sie, nicht mal in Stuttgart! Sie kämpfte mit ihren Nerven und mit ihren Gefühlen.


Cranko brauchte ein paar Sekunden, um sich auf die nun folgende Unterredung vorzubereiten. Diese Spanne benutzte er, um sich eine Zigarette anzustecken. Nach einem furchtbar tiefen Zug blickte er seinem Gegenüber plötzlich fest in die Augen und sagte:


»Márcia, du warst gut! Sehr gut!«


Sie schaute ihm jetzt ungläubig, aber genau so fest in die Augen und fragte mit klarer Stimme: »Danke. Und? Was bedeutet das?«

 

John Crankos Gesichtszüge und seine ganze Körperhaltung entspannten sich langsam. Die Wunden des harten Kampfes begannen bereits zu verheilen. Lapidar sagte er: »Márcia, wenn du Lust hast, es mit uns zu probieren, dann bist du herzlich eingeladen.«


Márcia Haydée sprang auf von ihrem Garderobenstuhl, warf zuerst die Arme in die Luft und dann ihren Körper, und dann umarmte sie ihn. »Wirklich?«, schrie sie.


»Wirklich!«, antwortete John, ein umwerfendes Lächeln war in seinem Antlitz erschienen, das alle ihre Sorgen vertrieb.Sie wäre am liebsten herumgesprungen wie ein Känguru.


»Márcia.« Seine Stimme war jetzt plötzlich wieder deutlich ernster als zuvor: »Wenn du nach Stuttgart kommst, dann will ich dich nicht für die Gruppe.«


Vollkommenes Unverständnis und Panik in den Augen der Brasilianerin. Was für eine Achterbahn! Es war einfach zu viel, sie konnte nicht mehr. Sie schloss die Augen. Die Tränen flossen in Laufbächen über ihre schmerzverzerrten Wangen, sie konnte sie jetzt einfach nicht mehr zurückhalten. Sie wartete auf den Todesstoß.


Noch ein letzter, tiefer Zug an der Zigarette. Und dann – mit einem Kopfnicken, das nicht nur ihr galt, sondern auch sich selbst – sagte John Cranko sehr leise und jedes einzelne Wort betonend:


»Márcia, du wirst meine Primaballerina!«

©ThomasAders

 

 

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